Eigentlich wollte ich wieder in den Süden. Aber dort tobt momentan Corona. Also habe ich mir Gebiete ausgesucht, die davon weniger betroffen sind. Meine Tour führt mich von Nancy, nach Troyes, Auxerre und Reims – also durch den “Großen Osten”.

Frankreich Grand Est

2. bis 17. September 2021

Blick auf den Place Stanislas in Nancy

2.September 2021

Angekommen auf dem Campingplatz Le Brabois in Nancy.

Der Campingplatz war früher einmal Teil eines Parks – das zeigt sich auch an der großzügigen Platzgestaltung. Die Stellplätze fädeln sich an den Wegen entlang, im mittleren Bereich blicken die Camper auf eine große, begrünte Fläche. Das gesamte Gelände wird von hohen Bäumen beschattet.

Ich fühle mich wohl hier. Die Sonne strahlt, ich blicke ins Grün, es ist herrlich ruhig hier. Neben mir stehen jeweils Franzosen mit ihren Wohnwagen. Vielleicht kann ich ja mal ein Wort mit ihnen wechseln. 

Erste Aktion heute: ein Rendezvous ausgemacht:-) Nein, kein Date. Mein Rendezvous habe ich morgen im Baumarkt. Ich brauche Petroleum.

Und jetzt auf deutsch: Unter “rendez-vous” verstehen die Franzosen einfach nur, dass sie einen Termin haben.

Viel Grün, viel Sonne, viel Ruhe...ich bin gern auf dem Camping Le Brabois in Nancy

3.September 2021

Ich hatte mein Rendezvous. Mit einer freundlichen jungen Dame von Conforama. Ich hatte dort Petroleum online bestellt und auch bezahlt. Das System hat mich begeistert: Habe nach der Bestellung einen Code bekommen, den habe ich vor Ort einfach eingescannt. Conforama hat dafür extra Parkboxen eingerichtet. Es dauerte keine fünf Minuten, und mein Rendezvous stand lächelnd vor mir – mit dem Petroleum auf dem Wagen.

Und dann musste ich natürlich erst einmal einen Cora überfallen – ich liebe französische Supermärkte!

4.September 2021

Ab ins Stadtzentrum. Den Place Stanislas kenne ich schon, aber heute strahlt er und lässt seine Tore in der Spätsommersonne funkeln.  Seinen Namen hat er von Stanislas, dem Schwiegersohn von Ludwig dem XV. Und natürlich posiert er überlebensgroß mitten auf dem Platz – in Stein gemeißelt.

“Le Petit Train” – ein Touristenbähnchen wartet auf Gäste, um sie durch die historische Altstadt Nancys zu kutschieren. Vielleicht wartet es auf mich? Könnte ich mir doch mal antun, oder? Aber leider hat der Schaffner kein Wechselgeld und schickt mich in die Touristeninformation. Nö, dazu habe ich jetzt keine Lust. Muss die Bimmelbahn ohne mich fahren…

Meine freundlichen Nachbarn auf dem Campingplatz hatten mir noch ans Herz gelegt, dass ich unbedingt die Grand Rue sehen müsste. Also schlendere ich mal in diese Richtung.

Die Grand Rue empfängt mich mit ihren kleinen Cafés, Restaurants, Bars und Boutiquen. Es ist Nachmittag, noch ist es hier recht ruhig – ich stelle mir aber vor, wie hier abends das Leben erwacht und die Studenten die Kneipen bevölkern. 

Die Grand Rue endet an der Porte de la Craffe, einem imposanten Stadttor, das vier Jahrhunderte als Gefängnis diente. 

9.September 2021

Nach sonnigen Spätsommertagen geht es weiter nach Eaux-Puiseaux – einem verschlafenen Dörfchen zwischen Troyes und Auxerre. Ich habe mir absichtlich diesen Ort ausgewählt, damit ich beide Städte besuchen kann.

Der Camping de la Ferme des Hauts Frênes liegt auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofes. Ja, der Campingplatz ist wirklich geschmackvoll angelegt, parzelliert, von hohen Bäumen beschattet – und mein Stellplatz ist riesig. Und wenn ich um mich herum schaue, ist es herrlich grün.

Im ehemaligen Hofgebäude sind noch Gästezimmer zu mieten, es gibt ein Café und einen Gesellschaftsraum. Alles wirkt sehr sauber und gepflegt.

Die Sanitäranlagen sind, naja, sauber, aber erinnern eher an ein Hotelzimmer… für ein paar Tage wird’s schon gehen… Aber zwölf Euro pro Nacht einschließlich Strom und Dusche sind ja auch akzeptabel.

Es ist wunderbar ruhig hier, liegt ja auch am Ende der Welt. Und nachts sowas von dunkel… hab’ ich noch nicht erlebt. Ich glaube, Frieda fürchtet sich ein wenig:-)

Frieda kommt sich verloren vor auf diesem riesigen Stellplatz. Hier könnte ich meine gesamte Familie unterbringen...

10.September 2021

Ich bin jetzt in der Champagne – von hier kommt also der Champagner. Nur, wo sind die Weinberge??? 

Gut, ich bin ja nicht wegen des Champagners hier, sondern um mir ein paar  Städte anzusehen. Zum Beispiel Troyes. Dort soll es einen historischen Stadtkern mit gut erhaltenen Fachwerkhäusern geben. Ich habe gelesen, dass Troyes die Stadt wäre mit den besten erhaltenen und restaurierten mittelalterlichen Gebäuden, die zudem auf engem Raum zu finden wären. Troyes gehört deshalb dem Label „Ville d’Art et d’Histoire“ (Stadt für Kunst und Geschichte) an. Bin gespannt.

Ich lande mitten in der Stadt, in der Tiefgarage der Markthalle. Achja, französische Märkte und Markthallen ziehen mich magisch an… nein, ich will ja heute die Stadt sehen und kein Gemüse oder Obst kaufen.

Die Innenstadt – angeblich hat sie den Grundriss eines Champagnerkorkens – zeigt sich tatsächlich mit Fachwerkbauten.  Für mich haben sie sich heute nicht so rausgeputzt, vielleicht liegt es auch daran, dass  sich die Sonne hinter dicken Regenwolken verkrochen hat.

Die Fachwerkhäuser haben eine eigene Schönheit: Die Giebel sind rund, geschwungen, nicht vergleichbar mit den Häusern, die ich aus Deutschland kenne, beispielsweise von Marburg oder Lich. Jedes Haus präsentiert seine Balken in einer anderen Farbe: blau, grün, rot… Auch die Fassaden reihen sich mit kunterbunt in das Farbenspiel ein. Unterbrochen wird es nur von wenigen Exemplaren,  die in ihrer Lebenszeit offensichtlich eine angemessene Pflege entbehren mussten. Manch ein Balken würde sich über etwas mehr Aufmerksamkeit seines Besitzers freuen…

Und zu allem Übel fängt es jetzt auch noch an zu regnen… 

11.September 2021

Heute geht es nach Auxerre. Bin gespannt, wie mich die Stadt empfängt.

Auf dem Weg nach Auxerre sehe ich ein Irgendwas, keine Ahnung was, einen Turm, eine Stele…ein ???

Also entschließe ich mich, dem mal nachzugehen. Ich biege von der Straße ab. Das Irgendwas ist sogar ausgeschildert: Chapelle Saint Joseph des Anges

Ahja. Eine Kirche also. Beim Näherkommen entpuppt sich diese Kirche als ein sehr imposantes Bauwerk. Sie liegt außerhalb der Ortschaften auf einem Hügel. Und was sie so imposant macht, ist die riesige Statue auf ihrem Turm: Die Heilige Jungfrau, smarte 8,5 Tonnen schwer und sieben Meter hoch… die Kirche scheint schwer tragen zu müssen an ihrer sie krönenden Jungfer… leider ist das Wetter nicht so optimal, dass ich die Kirche samt Jungfrau in ihrer opulenten Schönheit einfangen könnte. 

Chapelle Saint Joseph des Anges: Die Heilige Jungfrau präsentiert sich überdimensional auf dem Glockenturm

Weiter geht’s nach Auxerre. Die Stadt hat für mich mehr Charme als Troyes.  Sie wirkt offener, sauberer, aufgeräumter… aber das ist mein ganz persönlicher Eindruck. Den zumindest unterstreicht die Tatsache, dass Auxerre stolze vier Blüten unter dem Ortseingangsschild trägt: Beim concours des villes et villages fleuris – also dem Wettbewerb der blumengeschmückten Städte und Ortschaften ist ihr dieses Symbol verliehen worden.

Der historische Stadtkern liegt auf einem Hügel, auf dessen Gipfel die Kathedrale Saint-Étienne thront. Am Fuße des Hügels fließt die Yonne, an deren Ufer sich Gaststätten und Ausflugslokale angesiedelt haben.

In der Altstadt gibt es viele kleine Gassen mit Bars und Boutiquen, wirklich schön. Auch hier sind viele Häuser im Fachwerk gebaut, ähnlich wie in Troyes. Ich glaube, ich bin nicht zum letzten Mal hier.

12.September 2021

Das Wetter führt mich nach Reims – dort soll die Sonne scheinen. Gut, warten wir mal ab. 

Die Strecke von meinem verträumten Bauernhof in Richtung Reims ist nicht aufregend. Nein, sie ist sogar langweilig und öde. Nur flaches Land, kaum Hügel, nur Felder und die Straße geht immer nur schnurstracks geradeaus.

Ich habe mir wieder einen Campingplatz außerhalb der Stadt ausgesucht: Camping municipal in Val-de-Vesle. Ich habe Glück, bin kurz vor der Mittagspause da und kann mir sogar einen Platz aussuchen. Wer hier in der Vor- oder Nachsaison unterkommen möchte, sollte bei der Anreise die Mittagspause von 11 bis 16 Uhr im Hinterkopf haben.

Der Platz ist klein und fein, mit nur 50 Stellplätzen. Er wirkt sehr gepflegt, parkähnlich unter hohen Bäumen. Nicht weit von mir plätschert ein Bächlein – das nicht nur mir gefällt, sondern auch  Tausenden von Mücken, die bei Sonnenuntergang blutrünstig nach Opfern suchen. Ich bin noch nie vor Mücken geflohen – diesmal schon!

Da sich Reims als die Hauptstadt des Champagners bezeichnet, muss es ja hier irgendwo Weinberge geben. Und die flaschengefüllten Kisten, die in die Kofferräume meiner holländischen Nachbarn wandern, erzählen auch davon. Da werde ich mich morgen mal auf die Suche machen.

13.September 2021

Sie sind tatsächlich da: die Weinberge! Und zwar nur fünf Kilometer von hier in Verzenay finden sich nur Weinberge, Weinberge, so weit das Auge blicken und mittendrin diese hübsche Mühle, die Moulin de Verzenay. Sie gehört jetzt wohl dem Hause Mumm.

Und es gibt noch einen Leuchtturm, in dem sich ein Museum befindet.

Leider habe ich dafür heute keinen Nerv – irgendwas an meinem Auto stimmt nicht, es klappert seltsam, wenn ich über die maroden Straßen hier fahre. Mist. Ich fahre morgen mal zu Renault, vielleicht können die ja was reparieren. Sollte hier ja nicht mehr als daheim kosten.

In Verzenay befinden sich Sektkellereien, eine neben der anderen, wie in der Pfalz oder im Elsass die Winzer. Vielleicht schaue ich mir das doch nochmal an.

14.September 2021

Als erstes geht es heute zu Renault. Die Werkstatt kann eigentlich nicht als solche bezeichnet werden: Ein riesiges Gebäude, dessen Eingangshalle einem Terminal eines Flughafens gleicht… mit überdimensionalen Anzeigetafeln, die nach dem nächsten Kunden rufen, mit Monitoren und unzähligen Schaltern.

Jedenfalls kann ich mein Anliegen vortragen und bekomme für übermorgen einen Termin. Mal sehen, was dabei rauskommt, jetzt ist mir zumindest wohler.

Nun kann ich ins Stadtzentrum. Reims überrascht mich mit interessanten Straßenzügen und Bauwerken – allen voran die Kathedrale Notre-Dame de Reims. Und was natürlich auffällt: An jeder Ecke gibt es Champagner zu kaufen, überall sind Bars, in denen Champagner angeboten wird.

Ich schaue mir die Auslagen der Champagner-Läden mal genauer an: Die preisgünstigste Flasche kostet um die 20 Euro…ahja… wer’s mag. Ich nicht. Ich kann die Vorliebe für dieses Getränk eh nicht nachvollziehen:-)

Ich muss mir die Innenstadt nochmal in Ruhe vornehmen, heute nervt mich mein klapperndes Auto doch etwas…

15.September 2021

Der Renault-“Palast”

Mein Auto ist repariert und ich bin um 330 Euro leichter… puh… aber es musste ja gemacht werden.

Dafür lacht heute die Sonne und ich mache mich noch einmal auf, um die beeindruckende Innenstadt von Reims zu besuchen.

Die Kathedrale Notre-Dame de Reims begeistert mich, ich könnte stundenlang davor stehen, rundherum schleichen, um die Reliefs und Figuren an ihrer Fassade zu betrachten. Nicht umsonst zählt sie zu den architektonisch bedeutendsten Kirchen Frankreichs – habe ich zumindest gelesen:-) Ich nehme mir die Zeit und genieße den Anblick.

Auf dem Rückweg fahre ich noch einmal über Verzenay, um den Leuchtturm zu besichtigen. Oben angekommen, bietet sich ein toller Blick über die Weinberge und das Tal des Flüsschens Vesle.

In den Weinbergen hat die Weinlese begonnen, überall sind fleißige Menschen dabei, die Trauben mit den Händen von den Reben zu schneiden. Langsam ahne ich, warum der Champagner so teuer ist…

16.September 2021

Meine Rundreise ist zu Ende, und ich rolle wieder in Richtung Heimat, Frieda trottet wie immer brav hinter mir her. 

Ich habe mich entschieden, nicht über die Autobahn zu fahren, also geht es übers Land, vorbei an Wäldern, Dörfern und weidenden Eseln und Kühen. So, wie die gucken, haben die noch nie einen Wohnwagen gesehen:-)

Und ich komme an Zeitzeugen vorbei, die einen dunklen Teil der deutsch-französischen Geschichte repräsentieren. Da stehen sie, in Reih und Glied, exakt aufgestellt wie ein Heer Soldaten: Grabkreuze, die sich zu gewaltigen Gräberfeldern formiert haben, Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg. Klar, Verdun ist nicht weit von hier.

Ich steige aus und lasse eins der Felder auf mich wirken… und begreife Hannes Waders “Es ist an der Zeit“: “Weit in der Champagne, im Mittsommergrün, dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blühn…”

Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Hier fotografiere ich nicht.

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3 Responses

  1. Liebe Inge,
    ich bin sehr beeindruckt von deinen bebilderten Reiseberichten. Das ist eine wunderschöne Erinnerung für dich.
    Ganz toll!

  2. Liebe Brigitte, vielen lieben Dank. Ich freue mich, wenn ich dir mit meinen Fotos ein paar Einblicke in meine Reisen geben kann.

  3. Hallo liebe Inge, ich habe nun diese wunderschöne Seite gefunden. Hast GUT 👍 gemacht. GLG Brigitte 🐤!

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